Leseprobe „RENDEZVOUS MIT EINEM PHANTOM“
Seite 61-62
 
 
Ich ahnte nichts Gutes, als Alex, unser Teamleiter, mich an Freitag, es war genau drei Wochen nach der Reise nach Paris, nach dem morgendlichen Meeting beiseite nahm und sagte: »Wir müssen reden.«
Alex nannte sich Teamleiter, aber er war natürlich mein direkter Boss. Ich hatte lange schon dieses ganze Märchen von Teamgeist und Wir-sind-alle-eine-große-Familie durchschaut, dieses Silicon-Valley-Flair, das einem den Blick auf die Tatsache vernebelt, dass der Typ neben mir nach wie vor mein Konkurrent ist und der Typ, der mich zu sich beordert, mein Boss, und dass du geradewegs dabei bist, dich im Namen von irgendeinem als besonders fortschrittlich gepriesenen Arbeitskonzept gesundheitlich und körperlich zu ruinieren. Er war einer jener Männer in den Spätdreißigern, der seine immer mehr größer werdende Glatze mit einem Zopf kompensierte, einem dünnen Strang Haare, die aussahen wie aus dem Ausguss gezogen und zusammengebunden. Er trug einen albernen kleinen Diamanten im Ohr und an diesem Tag ein T-Shirt mit der Aufschrift »Downhill« und einem BMX-Motiv.
»Was ist los?« sagte er. »Es geht dir nicht gut.«
»Nichts«, sagte ich. »Eine kleine Erkältung. Sommergrippe oder so was. Alles in Ordnung.«
»Brauchst du eine Auszeit?«
Ich dachte, ich höre nicht recht. Waren meine Auftritte die letzten zwei Wochen so erbärmlich gewesen?
»Ich denke nicht«, sagte ich.
»Vielleicht mal ein paar Wochen weg vom Job«, sagte er. »Meinetwegen auch drei Monate. Bekommst dein Geld weiter und spannst mal aus. Danach bist du wieder der Alte.«
Ja, dachte ich, und danach hat meine Stelle längst jemand anderes und ich einen seltsamen, neu für mich erfundenen Posten, bei dem ich nach einem halben Monat freiwillig kündige. So ein Volltrottel.
»Ich glaube nicht, dass das nötig ist«, sagte ich.
»Überleg‘s dir«, sagte er, ungerührt von meinem Einwand.  »Sag mir am Montag Bescheid.«
Selbst jemand, der nicht so tief in Persönliches verstrickt war wie ich gerade, hätte gemerkt, dass das ein Ultimatum war.

Das Ganze trieb mich ins »Hobgoblin«, diese Kneipe, die irgendwie wie aus der Zeit gefallen wirkte. Es ging der Witz, dass das Lokal tatsächlich einem Hobgoblin gehörte, denn den Besitzer hatte noch nie jemand gesehen, und wenn er jemals dort aufgetaucht war, dann zu einer Zeit, wo das Lokal geschlossen gewesen war. Ich trank zwei Bier, denn ich wollte fit bleiben für den nächsten Vormittag, wo ich früh zu meinen Eltern fahren wollte. Angus verkniff sich eine neuerliche Frage nach Amelie, er verkniff sich überhaupt irgendwelche Bemerkungen, worüber ich sehr froh war.
So gegen halb neun, es war nach Mortens Anruf, der mich gerade zwischen dem ersten und zweiten Bier erreichte, ging ich vom »Hobgoblin« aus zu Amelies Wohnung. Warum, wusste ich selbst nicht genau, jedenfalls nicht, um bei ihr zu klingeln. Ich stand eine Zeitlang vor der Haustür und schaute nach oben und horchte dem Schmerz und der Wut nach, die mich in Wellen durchschwappte. Eine Nachbarin, die herauskam, prallte fast gegen mich, offenbar erinnerte sie sich an mich, denn sie grüßte kurz.
Nach einiger Zeit riss ich mich aus der Situation los. Ich hatte das Auto vor dem Lokal stehen lassen, und machte mich auf dem Weg zurück dorthin.
Ich war völlig in Gedanken versunken, als ich ein seltsames Geräusch hinter mir hörte und mich umdrehte. Es war ein schwarzes Auto, das die Straße entlang kam, und während ich ihm entgegensah und mich noch fragte, warum der Fahrer dermaßen aufs Gaspedal stieg, dass die Reifen quietschten und es nach Gummi roch, kapierte ich gleichzeitig und gerade noch im letzten Moment, dass er von der Fahrbahn weg auf den schmalen Bürgersteig fuhr und gerade auf mich zu. Ich machte einen Satz, aber da war eine kleine Mauer, die einen der Vorgärten begrenzte, so ein kunstvolles Gestänge, hinter dem eine Anzahl Koniferen stand, und ich sprang in einem Reflex auf die schmale Mauer und zog mich an dem Gestänge hoch, während ich den Luftzug spürte, als das Auto mich beinahe streifte und an mir vorbei preschte. Morten sagte mir  später, ich sollte mir keine Vorwürfe machen, dass ich mir das Nummernschild nicht gemerkt hatte, es wäre so wieso sinnlos gewesen, und wie die Dinge dann gleich liefen, war es tatsächlich egal, denn ich war kaum wieder von der Mauer herunter und spürte den Asphalt unter meinen Sohlen, als es einen fürchterlichen Schlag tat, denn das schwarze Auto, das  auf mich zugehalten hatte, war mit einem Wagen, der aus der Seitenstraße kam, kollidiert und mit vollem Karacho gegen die Fassade eines Eckhauses geprallt. Qualm kam unter der zertrümmerten Motorhaube hervor, das Auto dampfte aus allen Ecken und Enden, kleine Flammen züngelten aus dem Innenraum und Leute rannten herbei, schrien und jemand kam mit einem Feuerlöscher aus einem der Läden.
»Ich hab‘s gesehen«, rief eine Stimme von oben, aus dem ersten Stock des Hauses, wo ich stand. »Der hätte Sie glatt umgefahren! Falls Sie einen Zeugen brauchen …«