Leseprobe "Gerechtigkeit", Kriminalroman, April 2020, erschienen als eBook und Taschenbuch bei amazon

( „Gerechtigkeit“ , Leseprobe S. 90 -91)

 

 

Sie wusste nicht, ob der Auslöser gewesen war, dass sie mit diesem Kommissar durch das Haus gegangen war. Vielleicht war es einfach das ganze Geschehen um den Hof herum, das nur langsam in ihr Inneres gedrungen war. Zu Beginn war sie nicht einmal geschockt gewesen, das kam erst langsam. Es war fast gewesen, als wundere sie sich nicht, dass im Schuppen ihres Vaters eine Leiche vergraben war. Erst allmählich kroch hinter dieser Information das Grauen an die Oberfläche und es hatte nicht nur mit dieser Leiche zu tun, sondern mit dem Hof an sich. Sie war so froh gewesen über den Verkauf. Aber vielleicht hatte sie sich da auch etwas vorgemacht, und der Verkauf hätte gar nichts geändert. Vielleicht wäre alles sowieso nur vertagt gewesen, bis irgendeine Sache irgendetwas in ihr angerührt hätte und sie in den bekannten schwarzen Abgrund gestürzt. Vielleicht war sie einfach verrückt. Das hatten ja die meisten immer gesagt. Möglicherweise stimmte es. 

      Die Pflegerin ließ Falin ins Zimmer und verschwand. 

      Jolin stand am Fußende des Bettes und blickte ihm stumm entgegen. Es sah aus, als stützte sie den Teddy im Rücken, damit er gerade sitzen blieb. Sie trug über ihrem Schlafanzug einen Morgenmantel aus gelbem wolligen dicken Frottee. Zusammen mit den Plüschpantoffeln an ihren Füßen und dem widerspenstigen rötlichen Haar, das nur notdürftig mit zwei Kämmen hochgesteckt war, erinnerte sie ihn an ein übergroßes pummeliges Vogelküken, das aus seiner exotischen fernen Heimat in den sterilen Eingewöhnungsraum eines Zoos versetzt worden war.

      „Sie erinnern sich an mich?“ Er trat näher. 

      „Natürlich.“ Jolin löste sich langsam aus ihrer starren Haltung am Bettende. „So eine Überraschung!“  Sie ging in die Ecke des Zimmers, wo ein Tisch mit zwei Stühlen stand, und setzte sich. „Wir waren zusammen in meinem Elternhaus.“

     „Sie hatten heute schon Besuch?“

     „Ja. Meine Lehrerin wollte auch kommen, aber das geht heute nicht mehr. Der Arzt sagt, sie solle erst morgen kommen. Meine alte Lehrerin, wissen Sie, Frau Petersen. Irgendwie hat sie mitbekommen, dass ich hier bin. Es wundert mich, dass man Sie hier reingelassen hat. Eigentlich dürften das nur Freunde und Verwandte. Naja, Sie sind von der Polizei, da ist das wohl etwas anderes.“

     „Ich wollte nur mal schauen, wie es Ihnen geht.“

      Jolins Augen wanderten zu ihrem Teddy. „Kennen Sie meinen Teddy schon?“

     „Ich habe ihn in Ihrem Appartement gesehen. Da saß er auf dem Bett.“

      Sie beugte sich vor und fast schien, als wollte sie belehrend den Zeigefinger heben. „Lassen Sie nie etwas nachts draußen,“ sagte sie. „Wegen der Krähen, wissen Sie. Sie müssen alles reinholen, was nachts draußen ist. Das ist sehr, sehr wichtig. Nachts passieren draußen schlimme Dinge.“

      Ihre Stimme war eindringlich. Falin dachte an die Worte des Arztes. Behutsam sagte er: „Aber Sie waren ja immer vorsichtig, stimmt’s?“

    „Ich schon. Aber er nicht.“ 

     Sie schauten beide auf den Teddy, der mit blanken braunen Knopfaugen wortlos zurück starrte. Seine dicken kurzen Arme standen steif vom Körper ab, das plüschige Fell war an manchen Stellen so abgewetzt, dass der Stoff darunter sichtbar war.